• Ritzen ist kein Trend!

    Wir haben mit einer Betroffenen über Ritzen geredet - hier erzählt Sonja ihre Geschichte

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Interview: Sonja* (20) über das Ritzen

Hier kannst du das ausführliche Interview mit Sonja über Selbstverletzendes Verhalten nachlesen.

Wie hat das Ganze angefangen? Wie lange hast du dich geritzt?

Das ist schwer zu sagen, aber ich weiß, dass ich irgendwann mit 10 oder 11 darein gekommen bin. Ich erinnere mich ziemlich genau an eine Situation. Und zwar hab ich mich mit meiner Mutter gestritten und war danach ganz furchtbar traurig und dachte. „Jetzt bring ich mich um“ und hab eine Scherbe genommen und wollte mir damit die Pulsadern aufschneiden. Irgendwie war das das erste Erlebnis in diese Richtung.

Wie fühlt sich Ritzen an?

Es ist verschieden. Und es kommt immer so ein bisschen auf die Situation an. Meistens ist es schon so, dass man irgendwie einen Druck ablassen will, manchmal ist es auch so, dass man sich selbst bestrafen möchte für etwas. Meistens ist es wirklich so, dass was man innen hat, nach außen bringen will. Es ist eine befriedigende Möglichkeit, weil man sieht, was man getan hat. Es ist etwas sehr Offensichtliches, man sieht seinen Schmerz.

Hast du es überhaupt jemandem erzählt? Wie war das, wie haben andere reagiert?

Ja, aber das ist erst sehr spät gewesen. In der 7. oder 8. Klasse - hatte ich das schon mal jemandem erzählt, einer Freundin. Damals meiner besten Freundin. Die hat mich auch dann danach richtig gemobbt. Die hat schon dann an manchen Stellen Kommentare gebracht, die mich extrem verletzt haben. Wenn irgendwie eine Scherbe auf dem Weg lag, dann sagte sie: „Ja, weißte ja, was du damit machen kannst.“ Nicht so das Erlebnis, das mich angespornt hat, es anderen anzuvertrauen.

Hast du dich viel später jemanden richtig anvertrauen können?

Ja, später hatte ich eine richtig gute Freundin, mit der konnte ich auch sehr gut reden. Die hat auch vieles verstanden, weil ihre Schwester auch magersüchtig war. Sie hat sich zwar nicht selbst verletzt, aber sie wusste auf jeden Fall, dass es Leuten sehr schlecht geht und dass sie auch verschiedene Möglichkeiten haben, sich „zu helfen“ oder damit umzugehen. Und mit ihr konnte ich immer sehr gut darüber reden. Sofern ich das wollte, weil es ist sehr komisch, mit jemandem über so etwas zu reden.

Hast du schon mal richtig fiese Reaktionen auf das Ritzen erlebt?

Natürlich gibt’s schon so kleine Situationen, wo ich gemerkt hab, dass mein Gegenüber überfordert ist mit der Sache. Wenn man überfordert ist, kommen dann manchmal auch Sachen, die mich runterziehen. Ich weiß auch, dass ich ein sehr schwieriger Mensch bin, gerade wenn es mir nicht gut geht. Weil ich einerseits möchte, das jemand auf mich zugeht, es aber andererseits nicht möchte. Und es dann auch ganz schwierig für jemanden anders ist, mir zu helfen. Deshalb kann es auch manchmal zu Situationen kommen, die nicht schön sind – für beide Seiten. Und da muss man dann trotzdem versuchen, das auch in dem Moment, wenn es einem selber schlecht geht, zu schauen: „Was mache ich eigentlich grade?“ „Wie verhalte ich mich?"

Gründe: Warum ritzt du dich?

Ich kann es selber eigentlich auch nur vermuten – es nicht so, dass ich sage das und das und das war’s, aber ich weiß viele Sachen, die auf jeden Fall dazu geführt haben. Die dazu geführt haben, dass ich meinen Körper selber nicht leiden mag. Es hängt auf jeden Fall damit zusammen, dass ich viel gemobbt wurde. Und immer als dick bezeichnet wurde, obwohl ich rückblickend eine völlig normale Figur hatte. Also ich hatte völliges Normalgewicht, nicht mal an der oberen Grenze. Wie es im Moment ist? Ich habe durch Essprobleme viel zugenommen im letzten Jahr. Das hat das alles natürlich noch verschlimmert. Weil gerade diese Sachen dann wieder wach gerufen wurden, wie man da in der Schule gehänselt wurde.

Es ist wie „es dem Körper ein heimzuzahlen“, würdest du es so sagen wollen?

Auf jeden Fall. Etwas was man nicht mag, da geht man nicht gut mit um. Und in etwa so, ja, geht’s mir in jedem Fall auch.

Es wird ja auch als Sucht bezeichnet – du bist ja dann quasi reingerutscht, kann man denn irgendwann nicht mehr damit aufhören? Ist es dann irgendwann wie ein „Muss“?

Ja, es ist schwer, das so auf einen Punkt zu bringen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Manchmal möchte man es, manchmal möchte man gar nicht aufhören. Weil man gar keinen Grund sieht. Weil es ja eigentlich gut ist, man sieht alles richtig und das ist findet es gar nicht so schlecht, dass man aufhören möchte. Und wenn man aufhören möchte, dann muss ja erst mal einen neuen Weg lernen. Einen neuen Weg lernen, mit seinen Gefühlen, seinem Schmerz und seiner Wut auch umzugehen. Und das ist ganz schwer. Weil man sich wahrscheinlich jahrelang – bei mir jedenfalls jahrelang – sich dieses Weges bedient und jetzt einen komplett neuen Weg zu gehen, ist wirklich sehr schwierig.

Wie kommt man dann überhaupt darauf, dass es einen neuen Weg geben muss?

Wie gesagt: Ich habe nicht 100prozentig damit abgeschlossen. Ich kann nicht ganz sicher sagen, dass ich es nicht wieder tun würde. Weil ganz persönlich: Es sind noch nicht alle Gründe weg. Natürlich denkt man sich manchmal schon: „Eigentlich will ich auch gern im T-Shirt rumlaufen“ nur bei mir hat das bisher so einen Grad angenommen, dass die Narben auch nach Jahren nicht mehr weggehen. Ich weiß, ich kann sowieso nie im T-Shirt rumgehen. Das ist dann wieder so ein Kreisdenken, wo man dann denkt: „Egal“
Das ist dann ganz schwierig. Also man muss einen Grund für sich selber finden, um zu sagen: „Ich will das nicht mehr“. Mir hat es sehr geholfen – ich wohne mit meinem Freund zusammen – dass wir uns eine Katze angeschafft haben. Mein Freund muss arbeiten und ist dann oft auch nicht da. Es ist ganz schwierig für mich, allein zu sein. Da hat mir zum Beispiel diese Katze sehr viel geholfen. Dass einfach ein Wesen da war, das zu mir gekommen ist und sich hat ein bisschen streicheln lassen. Das ist schon so eine Kleinigkeit, die einem schon sehr viel weiterhilft.

Wie geht denn dein Freund mit dem Ritzen um?

Das ist auch eine ganz schwierige Geschichte. Weil mein Freund es eine Zeit lang auch getan hat. Eigentlich erst, seitdem er mich kennen gelernt hat, weil er es auch von mir gewusst hat. Das war das eine ganz schwierige Situation, weil ich natürlich das Gefühl hatte, dass ich schuld daran bin. Und er nicht so richtig wusste, wie er damit umgehen sollte. Das war zum Glück nur eine sehr kurze Zeit, wir haben es zusammen dann auch geschafft und er versteht mich! Aber er ist natürlich auch traurig, wenn er bemerkt oder bemerkt hat, dass ich mich selbst verletze. Er ist sehr traurig gewesen, weil er mir natürlich auch helfen möchte. Das kann er natürlich nicht. Und deshalb ist es auch schwierig, ihm es ganz einfach so zu sagen: „Du ich hab das wieder gemacht“. 
Das ist auch ein Grund, warum man es sein lassen könnte. Weil man sieht, wie sehr man eigentlich andere Menschen auch damit verletzt. Und auch ein Grund, warum man es verstecken könnte. Weil man auch Angst hat, Leute zu verletzen, die einen gern haben.

Ist es denn so schwer für andere, damit umzugehen?

Ja, ich merk das auch immer. Ich merke sowieso, dass es viele Leute machen, und ich merke auch, dass viele Leute nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Also manche Leute versuchen dann halt einfach, den Medien zu glauben. Das es ja nur ein blöder Trend ist. Dass die das nur machen, um cool zu sein. 
Als meine Mutter es das erste Mal rausgekriegt hat, hat sie mich einfach zum Psychologen geschleppt und ein andermal hat sie mir eine Ohrfeige gegeben und hat gesagt, ich soll ihr unbedingt den Arm zeigen. Im Endeffekt muss immer der Betroffene selbst den Schritt machen! Und da kann man als Außenstehender so viel tun, wie’s geht, das einzige, was man anbieten kann, ist das man reden kann, das man sich jederzeit melden kann.

Viele sagen, Ritzen und Selbstverletzendes Verhalten ist ein Trend. Würdest du das auch sagen?

Furchtbar! Das finde ich sehr furchtbar, diese Aussage. Als ich das damals gemacht habe, da wusste ich gar nicht, dass es so was überhaupt gibt. Dass andere Menschen das auch machen und dass es dafür einen Namen gibt, dass es eine Krankheit ist. In den letzten Monaten wird es immer schlimmer, wie sich die Berichterstattung entwickelt hat. Ich habe auch schon ganz furchtbare Reportagen darüber gesehen, auf den etwas unseriöseren Sendern.
Ich habe so ein bisschen auch Vorbehalte gegen geraden viele jüngere Mädchen, die sagen, „Ich mach das auch“. Und gerade dieses Plakative, das überall zu erzählen oder so hoch zu halten. Ich hab dann das Gefühl, dass andere Leute Betroffene dann anders sehen. In einem ganz falschen Licht – dass sie halt nur Aufmerksamkeit wollen. Und das find ich dann wieder schade. Und da hab ich dann auch wieder Angst, es Außenstehenden zu sagen. Weil ich dann das Gefühl habe: Ich werde bestimmt gar nicht ernst genommen.

Ritzen ist also kein Trend, sondern nur das Ergebnis der Medien?

Ja, gerade durch die „Emo-Bewegung“. Ich denke mal, Missverständnisse gibt es - dass man es als Emo machen muss, obwohl ich aber auch schon gehört habe, dass es durchaus so ist! Da hab ich schon gehört, dass Leute ihre Narben verglichen haben. Das ist schon richtig krass. 
Wen man dann ernst nehmen kann und wen nicht, das ist dann ein schmaler Grat. Weil eigentlich muss doch bei jedem Menschen, der sich selber verletzt, auch was dahinter stecken. Das macht man doch nicht einfach so! Trotzdem kommt einem das manchmal schon so vor, wenn Leute da irgendwie ihre Narben vergleichen. Und sagen „Hey, toll, du hast ne längere oder ich.“ Das find ich schon sehr abstrus…

Bist du auch im Internet auf rotetränen.de unterwegs? Entlastet das, wenn man sich anonym die Sorgen von der Seele reden kann? Oder ist das eher nicht so dein Weg?

Manchmal. Selbst da ist es schwierig, etwas sehr Persönliches zu schreiben. Ich finde es besser, zu lesen, dass es auch anderen Menschen so geht. Und es ist auch ein gutes Gefühl, anderen helfen zu können. Zu sagen: „Ich kenne das auch, du bist jetzt nicht verrückt.“ Weil das ist ganz oft die Angst, die man hat: Wie komisch bin ich eigentlich? Da ist also wirklich rotetraenen.de eine sehr gute Seite.

Warum hast du dich für das Interview zur Verfügung gestellt? Es ist ja nicht gerade einfach, sich einem wildfremden Menschen zu öffnen, gerade bei einem solchen Problem wie dem Ritzen.

Im Moment ist es für mich eine schwierige Zeit, aber ich bekomme immer mehr mit, was so passiert, was alles in den Medien über das Ritzen läuft. Ich denke, da möchte ich auch gerne etwas zu sagen! Ich möchte gerne auch Gesicht eines Menschen vertreten, der nicht irgendwie seine Wunden und Narben in der Pause herumzeigt. Denn es ist einfach nur total beschissen, sein Leben lang Narben an Armen und Beinen zu haben. Mir tun wirklich die Mädchen leid, die das machen, um einen Trend nachzulaufen. In ein paar Jahren haben sie immer noch diese Narben. Und dann werden sie sich sehr darüber ärgern! 
* Name von der Redaktion geändert

Weitere Betroffene erzählen und mehr Infos zum Thema Ritzen findest du hier: Ritzen & SVV

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