• Darum wehren sich viele bei einer Vergewaltigung nicht

    Eine Studie fand jetzt heraus, warum manche Opfer wie gelähmt sind.

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Vergewaltigung: Was ist sexueller Missbrauch?

Schreckliche Fakten: Jede vierte Frau wurde schon mindestens einmal im Leben Opfer einer Vergewaltigung, sexuellen Nötigung oder eines entsprechenden Versuchs! In Deutschland werden täglich mehr als 200 Mädchen und Frauen Opfer einer Vergewaltigung. So auch Vicky (19). Das Schlimmste: Sie kannte ihren Peiniger und hatte ihm vertraut – bis zu jenem Tag

Niemals wird sie diese Nacht vergessen. Ihr Ex-Freund Jonas stand plötzlich vor ihrer Wohnungstür. Sie hatte sich von ihm getrennt, aber er wollte es einfach nicht akzeptieren. „Ich haben ihn reingelassen, um ihm klarzumachen, dass er mich endgültig in Ruhe lassen soll“, erinnert sich Vicky. Als sie ihn schließlich aufforderte zu gehen, zog er eine Pistole aus der Tasche und hielt sie ihr an die rechte Schläfe. Sie fing an zu schreien und um Hilfe zu rufen. Brutal hielt er Vicky daraufhin den Mund zu. „Ich hatte panische Angst und habe kaum noch Luft bekommen“, erzählt Vicky mit stockender Stimme.

„Sag, dass du mich liebst!“ brüllte Jonas und warf sie aufs Bett und verriegelte die Tür. „Los, sag es!“, brüllte er ein zweites Mal. Vicky schrie und versuchte sich aufzusetzen, doch Jonas war schneller. Wieder hielt er ihr den Mund zu und warf sie zurück aufs Bett. Dann begann er ihr die Kleider vom Leib zu reißen. Vicky wehrte sich mit aller Kraft, doch er war stärker. Er würgte sie und sobald sie versuchte sich aufzurichten, schlug er ihren Kopf gegen den harten Bettkasten. Niemand hörte Vickys verzweifelten Schreie, sie war Jonas hoffnungslos ausgeliefert.

+++Was ist eine Vergewaltigung?+++

Wer jemanden gegen seinen Willen mit Gewalt zu sexuellen Handlungen zwingt, begeht eine sexuelle Nötigung. Vergewaltigung liegt vor, wenn jemand mit Gewalt zum Geschlechtsverkehr gezwungen wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Mann oder eine Frau betroffen ist. Die Opfer sind zum allergrößten Teil Frauen und Mädchen und die Mehrzahl der Gewaltverbrechen richtet sich gegen Kinder und Jugendliche.

„Bitte hör auf“, wimmerte sie. „Ich will das nicht, du tust mir weh“. Doch Jonas zeigte kein Erbarmen. Vicky hielt sich schützend die Hände vors Gesicht. „Los, nimm die Hände weg. Du willst es doch auch“, rief er. Dann zerriss er ihren Slip und drang gewaltsam in sie ein. „Ich hörte sein Keuchen so nah am Ohr, roch seinen beißenden Schweißgeruch und musste würgen. Alles tat weh und ich habe nur noch gebetet, dass es schnell vorbeigeht“. Endlich ließ Jonas von ihr ab. Danach fühlte sich Vicky leer, schmutzig und ihr Körper schmerzte. Ohne ein Wort zu sagen, zog Jonas sich an und ließ Vicky wie ein Häufchen Elend zurück.

+++Warum hat sie sich nicht gewehrt?+++

„Warum hat sie ihren Peiniger nicht geschlagen oder getreten? Oder wenigstens Widerstand geleistet?" Das denken viele Menschen und auch, dass sie sich bei einer Vergewaltigung mit allen Mitteln zur Wehr setzen würden. Krass: Auch vor Gericht wird das Strafmaß für den Täter manchmal abgemildert, wenn sich das Opfer „nicht ausreichend“ gewehrt hat – und die fehlende Gegenwehr als passive Zustimmung bewertet wird!

Dabei belegt eine neue Studie aus Schweden: Die meisten Frauen verfallen während des Angriffs in einen paralysierten Zustand, der jegliche Abwehrreaktion verhindert. Sie sind regelrecht gelähmt. Diese Reaktion wird "tonische Bewegungslosigkeit" genannt. Bei Tieren ist sie als Abwehrreaktion auf einen räuberischen Angriff bekannt, wenn Widerstand nicht möglich ist und es kein Entrinnen gibt. Über die tonische Immobilität beim Menschen ist aber noch sehr wenig bekannt. Dabei sind die Ergebnisse von enormer Tragweite – sowohl für die psychologische Betreuung der Opfer (die sich oft mit Selbst-Vorwürfen quälen und viel häufiger Depressionen kriegen als Frauen, die sich gewehrt haben), aber vor allem auch für ihre Situation vor Gericht!

So finden übrigens einige Jungs, dass es keine Vergewaltigung ist.

+++Wer sind die Täter?+++

Vergewaltigungen finde nicht nur im dunklen Parks, einsamen Tiefgaragen oder U-Bahnhöfen statt, sondern am häufigsten dort, wo Frauen sich sicher fühlen: zu Hause, am Arbeitsplatz oder bei Bekannten. Nur 15% der Angreifer sind den Frauen fremd, die restlichen Täter kannten ihre Opfer bereits vor der Tat, entweder nur flüchtig oder auch sehr gut. Häufig findet Missbrauch innerhalb der Familie, der Beziehung oder in einem ähnlich vertrauten Verhältnis statt. Vergewaltigungen zählen zu den Straftaten, die am häufigsten unbestraft bleiben.

Vergewaltigungsopfer (11) wird Mutter

„Die Dunkelziffer ist sogar noch höher“, weiß Thomas Rock vom bayerischen Landeskriminalamt. Viele Missbrauchsopfer trauen sich nicht, zur Polizei zu gehen. So kommen auf eine Anzeige 3 bis 10 nicht gemeldete Fälle. Diese These wird von der 2012 ins Leben gerufene Initiative #ichhabenichtangezeigt bestätigt: Innerhalb von sechs Wochen haben 1.105 Frauen und Männer ihre Erfahrungen und Gründe veröffentlicht, warum sie sexuelle Gewalt nicht angezeigt haben. Unsicherheit, Scham, Unwissen und die Angst davor, dass einem nicht geglaubt wird, spielen immer eine zentrale Rolle. So geht es auch Vicky. Noch heute fällt es ihr schwer, über die schrecklichsten Minuten ihres Lebens zu sprechen. Sie möchte einfach nur vergessen, was passiert ist, genau wie die 46.793 Opfer, die allein 2013 Opfer eines Sexualverbrechens in Deutschland wurden und es bei der Polizei gemeldet haben.

++Was tun nach sexuellem Missbrauch?+++

„Bis zuletzt habe ich nicht geglaubt, dass er es wirklich tut“, beschreibt Vicky den Übergriff. Ihren Willen hat Jonas zwar gebrochen, aber nicht ihren Kampfgeist. Er muss dafür bestraft werden, dachte sich Vicky und rief direkt nach der Vergewaltigung die Polizei. Was nun folgte, waren quälende Fragen und unangenehme Untersuchungen. „Ich habe mich so geschämt und hätte mich am liebsten geweigert, darüber zu reden. Doch ich wollte, dass dieses Schwein verhaftet wird. Darum habe ich durchgehalten.“ Das war auch das einzig Richtige, denn so kann die Polizei oder auch ein Arzt den Vergewaltiger anhand von Spuren überführen. Vicky hat sich noch in der gleichen Nacht ihrer Mama anvertraut, die ihr seitdem liebevoll zur Seite steht: „Ohne sie hätte ich das nicht durchgestanden“. Stundenlang stand Vicky nach der Vergewaltigung unter der Dusche und schrubbte ihre Haut, bis sie ganz rot war. „Ich wollte meine Erinnerung vom Körper waschen, aber das ging natürlich nicht."

Bei diesen Hotlines und Internet-Foren findest du Rat und Hilfe

Vickys Mutter kümmerte sich auch um psychologische Betreuung. „Erst wollte ich nicht mit einer Fremden reden, aber jetzt bin ich froh, dass ich eine Therapeutin habe, sie hilft mir sehr“. Anfangs zog sich Vicky komplett von ihrer Außenwelt zurück und wachte nachts schreiend auf. Wut, Schmerz und Hilflosigkeit haben sich tief in ihre Seele gefressen. „Ich hasse ihn dafür, was er mir angetan hat“. Erst als Jonas ins Gefängnis kam, ging sie wieder unter Leute. „Trotzdem ist nichts mehr so wie es mal war, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf“, berichtet Vicky tapfer.

+++Welche Strafen bekommen Vergewaltiger?+++

Vergewaltigung wird in Deutschland mit Strafen zwischen 6 Monaten und bis zu 15 Jahren geahndet und gilt als eines der schwersten Verbrechen. Strafbar ist die Nötigung zum Geschlechtsverkehr oder zu ähnlichen sexuellen Handlungen, die das Opfer erniedrigen. Trotzdem ist die Verurteilung schwierig, denn immer steht es Aussage gegen Aussage. Bis 1997 waren Vergewaltigungen nur außerehelich strafbar, das heißt, vergewaltigte ein Ehemann seine Ehefrau, galt das vor Gericht nicht als Straftat. Seit über 20 Jahren können sich Frauen nun aber auch gegen ihre Ehemänner vor dem Gericht wehren.

Die Folgen einer Vergewaltigung sind schwerwiegend: körperliche und seelische Demütigung, Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung und persönliche Grenzen wurden gewaltsam überschritten. Außerdem kann es zu Verletzungen im Genitalbereich, ungewollten Schwangerschaften oder Infektionen mit übertragbaren Krankheiten kommen.

Die Psyche leidet sehr unter dem sexuellen Missbrauch – immer wieder tauchen die Erlebnisse in der Erinnerung auf. Nichts ist mehr wie vorher und viele Opfer leiden unter Misstrauen, Hilflosigkeit, Scham, Schuldgefühlen, Schlafstörungen, Depressionen, Angst- und Panikattacken bis hin zu Selbstverletzungen und Selbstmordversuchen.

+++Was kannst du tun, wenn du vergewaltigt worden bist?+++

Du bist nicht schuld an dem sexuellen Missbrauch! "Nein" heißt "Nein", auch wenn ihr vorher geknutscht habt, oder geflirtet. Kein Mensch hat das Recht dazu, deine Grenzen gewaltsam zu überschreiten.
Öffne dich und vertraue dich deinen Eltern, einer guten Freundin, einer Lehrerin oder einer anderen Person, der du vertrauen kannst, an.

Bei diesen Nummern bekommst du, auch anonym, Hilfe:

WEISSER RING 01803 / 34 34 34
Kinder- und Jugendtelefon 0800/111 0 333 Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 08000 116 016

Geh möglichst schnell zu einer Gynäkologin oder ins Krankenhaus – am besten in Begleitung einer lieben Person und innerhalb von 24 Stunden. So können mögliche Verletzungen festgestellt und behandelt werden. Die Befunde müssen schriftlich festgehalten werden. Und ganz wichtig: Nicht waschen, auch wenn es schwer fällt. Aber nur dann können Beweise und Spuren gesichert werden. Klamotten und alles, was mit dem Täter in Berührung gekommen ist, nicht wegschmeißen. Das alles kann bei einer Vernehmung helfen.

Text: Denise Philipp, Kirsten Dorner