• Ritzen: Wenn es der Seele unter die Haut geht

    Schätzungsweise 800.000 Mädchen in Deutschland verletzen sich selbst, und die Dunkelziffer liegt noch viel höher!

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Ritzen – wenn's der Seele unter die Haut geht

Schätzungsweise 800.000 Mädchen in Deutschland verletzen sich selbst. Eine hohe Zahl, wobei dazu kommt, dass die Dunkelziffer noch viel höher liegt. Eine Form der Selbstverletzung ist das Ritzen – ein wichtiges und schwieriges Thema, wie wir finden. 

Warum ritze ich mich?

Und auch euch beschäftigt das Problem Ritzen – wie man an den Threads im Mädchen.de-Forum sehen kann und an den vielen Fragen, die bei Mädchenberaterin Gabi eingehen.

Wir haben uns zusammen mit Antje Kaufmann von der Selbsthilfewebsite www.rotetraenen.de den wichtigsten Fragen angenommen: "Was ist Ritzen eigentlich?""Wo liegen die Gründe?" und "Warum kann man nicht einfach wieder aufhören?" Außerdem haben wir Tipps, wie du damit umgehst, wenn du selbst oder eine Freundin betroffen ist. Plus: Links und Ansprechpartner, wo du dir Unterstützung und Hilfe holen kannst.

Die ganz persönliche Sicht auf das Thema Ritzen und Selbstverletzendes Verhalten kannst du in unserem Interview mit einer Betroffenen nachlesen: Ritzen ist kein Trend!

Ritzen & SSV: ein Erfahrungsbericht

Ritzen ist eine Form von selbstverletzendem Verhalten (SVV). Die Betroffenen schneiden sich mit Messern, Rasierklingen oder ritzen sich mit Scherben und anderen scharfen Gegenständen. Andere Formen von SVV sind Brandwunden von Zigaretten, Verbrühungen, Kratzen etc.

Ritzen: Ursachen & Gründe

Doch warum verletzen sich so viele Mädchen, schneiden sich mit Rasierklingen die Unterarme auf, so dass die Wunden teilweise sogar genäht werden müssen? Das ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar und ebenso dürftig erklärbar. Denn bei jedem Mädchen, das sich ritzt, verbirgt sich hinter dem Verhalten ein sehr persönlicher Grund. Oftmals können Betroffene diesen auch nicht genau benennen. Doch eines scheinen fast alle gemeinsam zu haben: Sie brauchen den Schmerz, um sich selbst zu spüren und den seelischen Schmerz mit körperlichem Schmerz zu überdecken. Was das für seelische Schmerzen sind? Das kann ein mangelndes Selbstwertgefühl sein, die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken, Depressionen, Panikattacken, Angstzustände und vieles mehr. Diese Emotionen üben einen ungeheuren Druck aus, da die Betroffenen sie nicht nach außen tragen können. Und dann passiert es: Das Ritzen dient als Ventil für den seelischen Druck.

Hotlines & Internet: Hilfe bei Kummer, Sucht & Gewalt

Als Außenstehender bemerkt man meist nichts von den seelischen Qualen, denen die Mädels ausgesetzt sind. Besonders bitter: Wenn sie versuchen, über ihre Probleme zu sprechen – nicht über das Ritzen – kommt häufig der Satz „Was willst du schon für Probleme haben“. 

Warum kann man nicht einfach damit aufhören?

Das haben wir uns auch gefragt und Antje Kaufmann hat uns die Antwort gegeben: „Selbstverletzung hat für den Betroffenen verschiedene Wirkungen, sobald es als Fluchtmittel in einen beruhigenden Zustand dient, entwickelt es auch einen Suchtcharakter. Der Betroffene hat gelernt, was hilft und kann dieses Verhalten nicht einfach wieder ablegen.“ 

Warum ritzen sich mehr Mädchen als Jungs?

Mädchen gelten als ruhiger, fürsorglicher und „lieber“ als Jungen. Zumindest wird das von ihnen erwartet. Und: Aggressionen und Ärger fressen Mädchen eher in sich hinein als Jungs. Gerade in der Pubertät, wenn die Gefühle verrückt spielen, können Mädchen ihre Wut und Stimmungen nicht so gut rauslassen wie Jungs. Die Folge: Sie lassen sie an ihrem Körper aus. Durch das Ritzen. Trotzdem gibt es auch Jungs, die sich selbst verletzen, weiß Antje Kaufmann von rotetraenen.de: „Studien gehen von einem Verhältnis von etwa 3-5:1 aus, eine Umfrage von 2002 hat ergeben, dass etwa jeder 10. User von rotetraenen.de männlich ist. Es wird aber davon ausgegangen, dass die Dunkelziffer höher ist.

Wie soll ich damit umgehen?

Weder als Außenstehende, noch als Betroffene ist es leicht, mit der Situation umzugehen. Als Betroffene hat man mit Mitleidsbekundungen, Schuldgefühlen und Unverständnis zu kämpfen. Als Außenstehender – sei es als Freundin, Schwester oder Bekannte – fühlt man sich unnütz und meist ebenso hilflos wie die Betroffene selbst. Wie geht man also damit um? Zwar lässt sich diese Frage nicht pauschal beantworten, da jeder seinen persönlichen Weg finden muss, mit der Lage klar zu kommen – trotzdem haben wir ein paar Tipps, die es dir ein bisschen leichter machen sollen…

Du bist selbst betroffen?

Du bist selbst betroffen und möchtest unbedingt damit aufhören? Du weißt allerdings nicht, wie du das schaffen sollst? Dann ist es wichtig, dass du dich anvertraust – zum Beispiel deiner besten Freundin, deinen Eltern oder durch den Austausch mit anderen Betroffenen, zum Beispiel in Internetforen. Wir haben eine Linkliste mit Webseiten zusammengestellt, bei denen du dir Infos, Adressen und Unterstützung holen kannst.

Mobbing-Erfahrungen

Voraussetzung ist, dass du wirklich aufhören willst und bereit bist, dir helfen zu lassen. Im zweiten Schritt muss geschaut werden, ob eine Therapie notwendig ist, Hilfe im Forum ausreicht oder du einfach jemanden zum Reden brauchst. „Ein Patentrezept gibt es leider nicht“, bestätigt Antje Kaufmann. „Im akuten Fall hilft es vielleicht, wie auch bei anderen Suchterkrankungen, die Selbstverletzung hinaus zu zögern, sich selbst zu sagen „Ich kann mich auch in einer Stunde noch verletzen“ und dies immer wieder. Auf rotetraenen.de haben wir außerdem eine Liste mit Alternativen zusammengestellt. Hier haben uns User angeschrieben und erzählt, was sie „statt dessen“ machen“

Hier geht’s zur Liste der Alternativen

Wie kann ich einer ritzenden Freundin 

Du hast bemerkt, dass deine Freundin – vielleicht sogar deine beste Freundin – sich selbst verletzt und weißt nicht, wie du mit der Situation umgehen sollst?Klar, das ist ein schwierige Situation und du fühlst dich mies, weil du gern helfen möchtest. Doch eins musst du dir klar machen: Aktiv kannst du nicht viel mehr tun, als für sie da zu sein. Und sie möglichst normal zu behandeln. Wie das am besten geht? Wir haben ein paar Tipps, wie du mit der Situation besser klar kommst. 

Nicht ignorieren

Wenn deine Freundin nicht mit dir über das Ritzen sprechen möchte, akzeptiere das. Aber das heißt nicht, dass sie grundsätzlich nicht darüber reden möchte. Vielleicht braucht sie ein bisschen Zeit. Zeig ihr, dass sie mit dir über alles sprechen kann – aber setz sie damit nicht unter Druck. Was natürlich eine echte Gratwanderung ist. 

Unterstützen

Sag deiner Freundin, dass du immer zu ihr hältst und ihre Krankheit – denn nichts anderes ist Ritzen – ernst nimmst und nicht als Spinnerei, Phase oder Spleen abtust. 

Normaler Umgang

Unternehmt etwas zusammen und pflegt eure Freundschaft, wie ihr es auch vorher schon getan habt. Deine Freundin ist kein anderer Mensch geworden, nur weil du jetzt weißt, dass sie sich ritzt. Geh normal mit ihr um und ergeh dich nicht in Mitleid oder übertriebener Fürsorge. 

In den Arm nehmen

Manchmal kann man etwas nicht in Worte fassen – aber man kann sich in den Arm nehmen. Körperliche Nähe ist wichtig, sie zeigt auch, dass du kein Problem mit ihrem Körper hast. (Allerdings gilt das nur, wenn deine Freundin Berührungen zulässt, denn oft lehnen Betroffene körperlichen Kontakt ab). 

Mehr Infos und Unterstützung findest du zum Beispiel hier:

www.rotetraenen.de 
www.rotelinien.de 
www.selbstverletzung.com 
Under Pressure 

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Antje Kaufmann von der Webseite www.rotetraenen.de für die Unterstützung, die Infos und für hilfreichen Antworten auf all unsere Fragen. 
Das Mädchen.de-Team

Mehr Infos zu Ursachen und Hintergründen von selbstverletzendem Verhalten findest du im ausführlichen Interview mit Antje Kaufmann.

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